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12. Oktober 2017

Wie man effektiv eine neue Sprache lernt

Wie man effektiv eine neue Sprache lernt
Blogartikel

 
 
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Die geschätzte Lesezeit beträgt 11 Minuten.

Im letzten Beitrag zum Thema habe ich erläutert, warum es sinnvoll ist, sich mit Fremdsprachen zu beschäftigen und sie zu lernen. Für den Artikel habe ich viel Zuspruch erhalten. Einige haben mir noch andere Gründe genannt, warum es hilfreich ist, weitere Sprachen zu lernen. Vielen Dank dafür!

Hier im zweiten Beitrag zum Thema möchte ich nun aber erstmal auf die Lernmethode eingehen. Denn gerade bei etwas so Grundlegendem, wie dem Lernen einer Sprache, gibt es viele Irrtümer, Fallstricke, falsche Glaubenssätze und antrainierte Vorgehensweisen, die zuweilen sogar schädlich sein können.

Viel Spaß beim Lesen.

Mein Weg zu einer neuen Fremdsprache

Mein freiwilliger Weg zu Fremdsprachen begann mit Begeisterung für Italienisch. Weil die Sprache für mich schön klingt, in der Kunst große Bedeutung erlangt hat und Italien für mich gleich nebenan ist, begann ich mich mit der Lingua Bella auseinanderzusetzen.

Aber wann und wie, lernt man eine Sprache am besten? Weil ich Zeitpläne und Regelmäßigkeiten überhaupt nicht mag, wollte ich nicht in einen Kurs gehen, wo man zum Beispiel jeden Mittwochabend die Schulbank drückt. Darum habe ich mich entschieden, dass ich mir Italienisch selbst beibringe. Eine gute Entscheidung, denn später hat sich das noch als Vorteil herausgestellt. Aber dazu später mehr.

Eine Reise nach Neapel im Buch

Ich startete in der Buchhandlung, wo mir das Buch Eine Reise nach Neapel in die Hände fiel. Ein großartiges Buch, das mir viel Freude bereitet hat. Ich habe es sogar mehrfach gekauft und an Freunde verschenkt. Es spielt in den 50er-Jahren und beschreibt einen Reisenden, der von Norditalien bis in den Süden fährt und mit Italienern zusammentrifft. In der Sprache der 50er-Jahre – es gab keine Smartphones, Fernseher, Schnellzüge, etc. – erklärt der Autor, wie exotisch die Italiener sind und wie sie sprechen.

Um die ersten Worte zu lernen und sich von der italienischen Sprache infizieren zu lassen, erwies sich das Buch als bestens geeignet. Ich bekam noch mehr Lust auf Italienisch. Aber leider konnte ich mit dem Buch allein das richtige Sprechen noch nicht lernen. Mich dürstete es nach einer sinnvollen Ergänzung zum Lernen.

Apps zum Lernen

Gottseidank sind die 50er vorbei und Smartphones – Fluch oder Segen – sind für allerlei Aufgaben nützlich. Also probierte ich es mit der kostenlosen App Duolingo und später mit Babbel. Beide Apps halfen mir schnell einen Wortschatz aufzubauen und die Grammatik der italienischen Sprache zu lernen. Jedoch gab es einige Übungen, die mir nicht geholfen haben.

  • Mir ist es nicht gelungen in der App, die Dialoge mitzusprechen. Die Ausspracheübungen halfen mir nicht. Ich hörte mich selbst und ich gebe zu: es klang unerträglich!
  • Auch im nächsten Urlaub konnte ich nicht viel mit meinen neuen Kenntnissen anfangen. Wichtige Wörter fielen mir nicht ein. Spontane Dialoge? Sprachgefühl? Nichts war da. Aber die Regeln konnte ich und hinterher fielen mir die Wörter auch alle ein.
  • Der richtige Satzbau gelang mir auch nicht. Ich konnte zwar bereits vieles Lesen und das war gut, aber sprechen oder angesprochen werden hat nicht funktioniert. Ich sprach in Italien also lieber wieder Englisch, um nach dem Weg oder im Restaurant etwas zu fragen.

Die Birkenbihl-Methode

Als die Frustration am größten war, stieß ich zufällig auf die Birkenbihl-Methode. Ich habe sofort alles andere stehen und liegen gelassen und mich auf das Vorgehen eingelassen. Namensgeberin Vera F. Birkenbihl, eine leider viel zu früh verstorbene Trainerin und Autorin, beobachtete, wie Kinder ihre Muttersprache lernen, und übertrug es auf Fremdsprachen.

Die wichtige Erkenntnis: Jeder hat seine eigene Sprache leicht und ohne Büffeln kennengelernt. Ergo, jeder hat also Sprachtalent!

Und das geht auch mit Fremdsprachen, wenn sie mit denselben Prinzipien, wie die Muttersprache, gelernt werden. Noch etwas: überraschenderweise passiert das Lernen von Sprachen fast nebenbei. Diese Methode spart Dir sogar Zeit und führt Dich zügiger ans Ziel, als alle klassischen Vorgehensweisen.

Wenn Du etwas Zeit hast, empfehle ich Dir dieses Video, in dem Vera F. Birkenbihl ihre Methode selbst erklärt. Ansonsten lies einfach weiter. Ich habe es auch für Dich aufgeschrieben.

Voraussetzungen zum Lernen mit der Birkenbihl-Methode

Damit Du eine fremde Sprache erlernen kannst, benötigst Du fremdsprachigen Text. Dazu noch eine Aufnahme eines Muttersprachlers, der diesen Text liest.

Du kannst auch einen fremdsprachigen Podcast nehmen. Einige Podcasts sind transkribiert und der komplette Text wurde vom Autoren zur Verfügung gestellt. Wenn Du Deutsch lernst, kannst Du auch diesen Blog nehmen, da ich fast alle Artikel 1:1 auch in einer Audio-Version zur Verfügung stelle.

Wenn Du einen Muttersprachler kennst, kannst Du ihn auch bitten, einen Text für Dich vorzulesen und aufzunehmen. Es eignen sich aber auch einzelne Kapitel oder Absätze aus Büchern, von denen Du auch die Hörbuchfassung hast.

Darüber hinaus gibt es Kurse für das Lernen mit der Birkenbihl-Methode, die Du problemlos verwenden kannst. Sie kommen mit Ton und Text und ersparen Dir den nächsten Schritt, das Dekodieren. Ich liste sie unterhalb dieses Beitrags für Dich auf.

Schritt 1: Das Dekodieren

Am besten Du druckst den Text mit etwas Zeilenabstand aus, damit Du etwas zwischen die Zeilen schreiben kannst. Was Dekodieren vom Übersetzen unterscheidet: Du übersetzt jedes einzelne Wort und schreibst die deutsche Übersetzung darunter.

Dekodierter italienischer Text

Diesen Text habe ich dekodiert. Wie Du sehen kannst, ist die Grammatik im Deutschen falsch. Es hilft mir aber, Italienisch zu lernen.

Beginne, indem Du im Text nach Wörtern suchst, die Du schon kennst. Übersetze diese aus dem Gedächtnis und notiere die deutsche Bedeutung direkt unter das entsprechende Wort.

Wenn Du Dich das erste Mal mit der Sprache auseinandersetzt, findest Du nur wenige Wörter. Bist Du fortgeschritten, wirst Du die meisten Worte schon kennen. Diese Art Sprachen zu lernen funktioniert also immer, egal wie weit Du schon in der Sprache bist.

Anschließend füllst Du die Lücken mithilfe eines Wörterbuchs. Übersetze jedes verbliebene Wort einzeln und notiere das deutsche Wort ebenfalls unter das Fremdsprachige. Hier bietet es sich an, verschiedene Farben, für neue und bekannte Wörter, zu benutzen. Wenn es auf dem Papier bunt ist, reizt es Dein Gehirn und Du lernst effektiver. Außerdem bekommst Du auf diese Weise einen Überblick über das, was Du bereits kanntest und kannst im nächsten Schritt mit den Augen besser folgen.

Bist Du mit dem Dekodieren fertig, hast Du einen Text, der in zwei Zeilen, Wort für Wort, in Deine Muttersprache übersetzt worden ist.

Du kannst mal versuchen, den deutschen Text laut zu lesen. Es klingt je nach Sprache total seltsam und ist lustig. Lies den Text doch mal jemandem vor und lasse ihn die Originalsprache erraten. Vera F. Birkenbihl schlägt das sogar als zusätzliche Übung vor, weil man sich implizit die Struktur der fremden Sprache verinnerlicht… und weil es Spaß macht. Denn alles was Spaß macht, also Emotionen weckt, lernt das Gehirn besser.

Schritt 2: Aktiv hören

Das Dekodieren macht Spaß und ist nützlich, wenn Du eine Sprache gründlich durchdringen möchtest. Allerdings lernst Du die Sprache damit allen noch nicht. In diesem Schritt, beim aktiven Hören, wirst Du zum ersten Mal Aussprache, Melodik und Tempo lernen. Wie das geht? Du hörst Dir den vorgelesenen Text an und liest gleichzeitig nur die übersetzten Wörter in der zweiten Zeile mit.

Dadurch lernst Du die Sprache ohne Umwege. Du verstehst nämlich den Sprecher, da Du simultan die Bedeutung der Wörter in Deiner Muttersprache erfasst. Vokalpauken und Grammatiktrainer entfallen völlig. Besonders hilfreich ist es, wenn Du Dir den Inhalt bildlich vorstellst.

Dieses Vorgehen ist angelehnt an den Lernprozess von Kindern. Kinder wissen nämlich, was ein Tisch ist, bevor sie es mit dem Wort Tisch in verknüpfen. Angenommen, Du lernst mit der Birkenbihl-Methode das italienische Wort tavolo und liest gleichzeitig Tisch, dann verknüpft Dein Gehirn automatisch tavolo mit der Bedeutung Tisch.

Nach ungefähr zehn Wiederholungen des Textes wirst Du merken, dass Du die deutschen Worte nicht mehr zum Verständnis brauchst. Lass‘ Dir aber unbedingt Zeit. Bei meinen ersten Versuchen bin ich viel zu schnell zum nächsten Schritt übergegangen und musste dann wieder zurück, da ich noch einige Lücken hatte.

Schritt 3: Passiv hören

Nachdem Du den Text beim Hören verstehst, beginnt nun der magische Teil der Methode. Am besten Du verwendest dafür Kopfhörer und stellst sie auf eine niedrige Lautstärke. So leise, dass Du fast nicht mehr hören kannst, was gesagt wird. Lass‘ den Text in einer Endlosschleife abspielen und beschäftige Dein Gehirn dabei mit etwas anderem.

Das klappt beim Lesen von anderen Texten, vielen Tätigkeiten, im Haushalt oder beim Sport. Sogar während Du den nächsten Text dekodierst oder Musik hörst, kannst Du diesen Schritt ausführen. Quasi bei allem, wo Du nicht 100-prozentig auf Deine Ohren angewiesen bist. Ich höre zum Beispiel einen italienischen Text, während ich diesen Artikel hier schreibe.

Beim Passivhören lernt Dein Unterbewusstsein die Aussprache und Satzmelodie, vertieft die gelernten Worte und erfasst die Struktur der Sprache. Es ist der erste Schritt für akzentfreies Sprechen. Und weil Du nur nebenbei lernst, kannst Du viele Stunden mit dem Üben verbringen, obwohl wenn Du wenig Zeit hast.

Dieser Schritt ist übrigens vergleichbar mit einem Aufenthalt in einem Land, wo diese Sprache gesprochen wird. Und dort lernt man bekanntlich am besten.

Egal, was Du hauptsächlich machst: Beim Passivhören hörst die Sprache im Hintergrund, ohne aktiv hinzuhören und lenkst Dich nicht ab damit und lernst nebenher.

Wenn Du die Schritte 1-3 abgeschlossen hast, dann verstehst Du den Text und die Sprache. Du kannst dem Sprecher in seinem normalem Sprechtempo folgen und verstehen, was gesagt wird. Du hast es bis hierher geschafft, ohne ein einziges Mal Vokabeln oder Grammatikregeln zu pauken. Genau wie Kinder, die ihre eigene Sprache lernen. Ihnen gibt man doch auch keine Vokabellisten oder Grammatikregeln an die Hand.

Schritt 4: Aktivität (Sprechen)

Bis jetzt hast Du aber noch nicht probiert selbst zu reden. Jetzt ist es Zeit, damit zu beginnen. Du startest diesmal wieder die Tonaufnahme des Textes, hörst aber nicht mehr nur zu, sondern sprichst mit dem Sprecher im Chor. Das heißt: Du versuchst gleichzeitig, mit demselben Tempo und mit der gleichen Betonung den Text zu sprechen.

Wenn Du Dich unwohl fühlst, dreh am Anfang die Lautstärke auf, sodass Du Dich selbst kaum hören kannst. Nach einigen Wiederholungen solltest Du dann den Sprecher immer leiser stellen, bis Du ihn nicht mehr brauchst.

Wenn Du genug passiv geübt hast, wird es Dir nach wenigen Wiederholungen leicht fallen den Text zu sprechen. Je nach Länge kannst Du ihn vielleicht schon auswendig. Bist Du überrascht, wie leicht das geht? Du wirst sogar die Betonung des Muttersprachlers richtig übernehmen und bei seinem Sprechtempo mithalten.

Wenn das nicht klappt, hast Du nicht genug passiv gehört. Das ist mir am Anfang auch passiert. Gehe dann einfach zurück zu Schritt 3 und probiere es später einfach wieder.

Fazit

Wenn Du für verschiedene Texte diese vier Schritte anwendest, kannst Du bald viele verschiedene und bedeutsame Wörter, die Du für den Alltag in einem anderen Land benötigst. Ein schöner Aspekt an diesem Vorgehen: Du kannst das Thema der Texte selbst aussuchen und in den Bereichen lernen, die Dich am meisten interessieren.

Noch ein paar Hinweise

Beim Lernen einer Fremdsprache ist Kontinuität wichtig. Bleib‘ am Ball und versuche wenigstens jeden Tag ein paar Minuten zu üben. Lerne lieber kürzere Texte und wiederhole sie regelmäßig.

Seit ich die Methode von Vera F. Birkenbihl kenne, gehört Sprachenlernen zu meinen Hobbys. Ich habe mir eine Liste von weiteren Fremdsprachen aufgeschrieben, die ich unbedingt noch lernen möchte. Ich glaube, es ist realistisch für einen durchschnittlichen Menschen, mehr als fünf Sprachen fließend zu beherrschen.

Vera F. Birkenbihl nannte ihr Vorgehen gehirngerecht, was sich unter anderem dadurch bemerkbar macht, dass das Lernen Spaß macht und sich nicht schwer anfühlt. Es muss eben nicht anstrengend, zeitintensiv und schwierig sein. Eher das Gegenteil ist der Fall. Nur wenn es leicht fällt und Spaß macht, funktioniert das Lernen effektiv.

Ich bin Dir noch eine Antwort schuldig, warum es ohne Gruppe vorteilhaft ist, eine Sprache zu lernen. Es hängt damit zusammen, dass wir Sprachen und Sprechen vorrangig durch Hören lernen. Dafür ist die Birkenbihl-Methode ausgelegt. Würdest Du in einem Klassenraum sitzen und den anderen Anfängern bei ihren Versuchen zuhören, lernt Dein Gehirn die falsche Aussprache. So entsteht Akzent.

Da diese Methode deutlich im Widerspruch mit normalen Sprachunterricht steht, kann es sein, dass Dir die Methode deshalb nicht leicht fällt. Du glaubst vielleicht nicht an den Nutzen oder bist es gewohnt, erst Grammatikregeln zu lernen und dann Sätze zu formulieren. Auch gibt es hier keine Tests oder abhakbare Lektionen, die einen Lernfortschritt dokumentieren. Es kann also etwas Zeit in Anspruch nehmen, bis Du Dich mit dem Vorgehen wohl fühlst. Wie bei allen neuen Dingen im Leben, empfehle ich Dir, dass Du Dir beim Lernen und Aneignen der Birkenbihl-Methode ausreichend Zeit lässt.

Kurse, Bücher und Apps zum effizienten Lernen

Folgende Hilfsmittel zum Lernen kann ich Dir empfehlen. Ich verlinke hier auf Amazon und auf die Herstellerseiten:

Weil ich es liebe, Menschen zu inspirieren und weil ich sehr gerne schreibe, war die logische Konsequenz, diesen Blog ins Leben zu rufen. Ich beschäftige mich gerne mit allen Themen, die andere Menschen bewegen und ihnen in ihrem Leben weiterhelfen. Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen und stöbern und wünsche Dir ganze Menge Inspiration.

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2 Comments on “Wie man effektiv eine neue Sprache lernt

Milena
2. November 2018 um 0:35

Hey Stefan =) Danke für deinen Beitrag. Eine Frage hätte ich aber noch zum Schritt 4. Soll der Text mitgesprochen werden können ohne dabei den Text parallel mitzulesen? Würde mich über eine Antwort freuen.

Antworten
Stefan Verhey
2. November 2018 um 6:55

Liebe Milena,

Danke für dein Interesse und deinen Kommentar. Diese Frage habe ich mir auch immer wieder gestellt und lange nach einer Antwort gesucht, da Frau Birkenbihl das nirgends konkret erwähnt hat. Bin aber dann unter anderem durch eigene Praxis dahinter gekommen, dass man den Text ruhig ablesen kann. Später kann man den dann eh so gut wie auswendig sprechen. Zumindest ging es mir so.

Welche Sprache interessiert dich? Was magst du lernen?

Viele Grüße
Stefan

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